Dein erstes Arbeitszeugnis: Wie gut kommst du weg?

So liest Du Noten, die vorgeben, keine zu sein

Bylle Bauer
Person springt über eine schmale Bergschlucht.

Am Ende eines Beschäftigungsverhältnisses erhältst Du in aller Regel ein Arbeitszeugnis. Lies es Dir in Ruhe durch und leg jedes Wort auf die Goldwaage, ehe Du es a) akzeptierst und b) nutzt, um vermeintlich Deine Jobchancen zu erhöhen – das kann nämlich nach hinten losgehen.

Denn dieses Schreiben heißt nicht umsonst “Zeugnis”: Hinter den generisch wirkenden Formulierungen in einem Arbeitszeugnis stecken Codes, die Personaler:innen kinderleicht entschlüsseln und in Noten übersetzen. Dein Arbeitszeugnis ordnet Dich und Deine Leistung ein – bzw. deren Bewertung durch Menschen, die Dir je nach Trennungsgrund mehr oder weniger wohlgesonnen sind.

Zeit, dass Du die wahren Aussagen hinter den Formulierungen und Deine Möglichkeiten, Dich gegen ungerechtfertigte Kritik zu wehren, kennenlernst!

Wann brauche ich ein Arbeitszeugnis?

Viele Arbeitgeber verlangen von Bewerber:innen explizit Arbeitszeugnisse und andere Leistungsnachweise. Selbst wenn nicht ausdrücklich danach gefragt wird, kannst Du Deine Chancen auf einen Traumjob mit einem fabelhaften Zeugnis natürlich erhöhen.

Ob Du es akut brauchst oder nicht: Das im Arbeitszeugnis enthaltene Feedback zu Deiner Arbeit steht Dir rechtlich zu und Du solltest es einfordern, falls es ausbleibt. Warte damit nicht zu lange. Nach zehn Monaten gilt die Pflicht, Dir eins auszustellen, nämlich meist schon als verjährt.

In der Regel bekommst Du Dein Zeugnis an Deinem letzten Arbeitstag, in der Realität lässt es oft länger auf sich warten. Rechtlich gesehen musst Du es abholen, die Zusendung per Post ist keine Pflicht. Wurde Dir gekündigt, kannst Du schon vor Deinem letzten Tag ein Arbeitszeugnis verlangen. Denn damit kannst Du bei der Suche nach einem neuen Job Deine Qualifikationen nachweisen. Planst Du, selbst zu kündigen und hättest gern eine Beurteilung, um Dich erfolgreicher zu bewerben, kannst Du ein Zwischenzeugnis anfordern.

Wie komme ich an ein Zwischenzeugnis?

Um das Zwischenzeugnis musst Du Deine:n Vorgesetzte:n bitten. Das ist manchmal ein bisschen heikel. Dein Arbeitgeber könnte schnell vermuten, dass Du das Unternehmen verlassen möchtest. Nenne stattdessen lieber einen anderen Grund. Es gibt verschiedene Gründe, ein Zwischenzeugnis anzufordern:

  • wenn Dein:e Vorgesetzte:r wechselt
  • wenn die Unternehmensstrukturen sich verändern, z.B. durch Übernahme, Insolvenz, Fusion etc.
  • wenn Du eine Elternzeit, ein Sabbatical oder eine andere längere Abwesenheit antrittst
  • wenn Du noch nie oder schon lange kein Zwischenfeedback mehr zu Deiner Arbeit bekommen hast. Besonders der letzte Punkt wird oft übersehen oder unterbewertet: Als Arbeitnehmer:in steht Dir ein regelmäßiges Feedback zu. Schon allein, damit Du Dich im Interesse der Firma verbessern kannst. Dieses kannst Du also einfordern, auch wenn keine signifikanten Veränderungen im Unternehmen anstehen.

Generell ist es empfehlenswert, sich ab und zu ein Zwischenzeugnis ausstellen zu lassen. Wie Du weiter unten erfährst, kann es sich auch bei Deinem Weggang noch als ganz schön nützlich erweisen. Aber sei wachsam beim Durchlesen!

Das Zwischenzeugnis macht Aussagen über ein bestehendes Arbeitsverhältnis. Deshalb ist es wichtig, dass es im Präsens formuliert ist. Auch und gerade bei diesen Zeugnissen solltest Du auf dieselben Formulierungen wie in Arbeitszeugnissen achten.

Abgesehen davon kannst Du beim Zwischenzeugnis schon an der Einleitung erkennen, wie man zu Dir steht. Heißt es, Du bist seit XY im Unternehmen "beschäftigt" oder "angestellt" – statt Du "arbeitest" seit XY dort, sollten sich Deine Lauscher spitzen. Denn das weist auf eine gewisse Passivität Deinerseits hin: Du warst halt da. Genauso verhält es sich mit der Schlussformel. Sie ist im Zwischenzeugnis keine Pflicht, sondern ein freiwilliger Zusatz, dessen Fehlen andeutet, wie der Hase läuft.

Was muss im Arbeitszeugnis stehen?

Es gibt zwei Arten von Arbeitszeugnissen.

Das einfache Arbeitszeugnis bekommst Du in der Regel, wenn Du nur eine kurze Zeit im Unternehmen warst oder ein Praktikum absolviert hast. Darin stehen folgende Infos:

  • Deine Personalien
  • Angaben über die Dauer Deiner Beschäftigung
  • eine Beschreibung Deiner Tätigkeit
  • die Schlussformel
  • der Ausstellungsort, die Unterschrift usw.

Das qualifizierte Arbeitszeugnis ist länger und ausführlicher. Du bekommst es normalerweise, wenn Du eine längere Zeit für ein Unternehmen gearbeitet hast. Darin stehen diese Angaben:

  • Deine Personalien
  • Information über die Dauer Deiner Beschäftigung
  • eine Beschreibung Deines Werdegangs im Unternehmen
  • eine vollständige Liste Deiner erledigten Tätigkeiten
  • die Beurteilung Deiner Leistung und Deines Verhaltens
  • eine Erklärung, welche Seite die Zusammenarbeit beendet hat
  • die Schlussformel
  • Ausstellungsort, Unterschrift und andere Formalia

Wichtig ist, dass die Angaben in Deinem Arbeitszeugnis richtig und vollständig sind. Deine Aufgaben sollten zum Beispiel in der Beschreibung korrekt gewichtet werden. Oft arbeiten jedoch die, die Dein Zeugnis ausstellen, nicht direkt mit Dir zusammen und haben kein genaues Bild von Deinem Job. Deshalb ist es in manchen Fällen ratsam, den Ausstellenden im Vorfeld eine Liste mit Deinen Tätigkeiten und deren Anteilen an Deinem Arbeitsalltag zukommen zu lassen.

Manchmal bitten Arbeitgeber Dich auch, Dein Arbeitszeugnis selbst zu schreiben. Ist das eine gute Idee?

Soll ich mein Arbeitszeugnis selbst schreiben?

Viele Vorgesetzte sind so beschäftigt, dass sie zu ächzen beginnen, wenn Du sie nach einem Zwischen- oder Arbeitszeugnis fragst. Da kann es auch mal passieren, dass Du gebeten wirst, Dir das Zeugnis doch einfach selbst zu schreiben – Du weißt ja am besten, was Du gemacht hast – und es sie dann Korrektur lesen und unterschreiben zu lassen.

Doch: Das ist nicht Dein Job!

Du bist (wahrscheinlich) kein:e HR’ler:in und kennst die Zeugnissprache nicht so gut wie die, die damit arbeiten. Wenn Du weiterliest und Dir die speziellen Formulierungen anschaust, siehst Du, wie schnell es passieren kann, dass Du Dich unter Wert verkaufst oder Formulierungen benutzt, die allen Lesenden direkt klarmachen, dass Du das alles selbst geschrieben hast. Das wirft zum Einen kein gutes Licht auf Dich. Zum Anderen hat es auch etwas mit Wertschätzung zu tun, dass Deine Vorgesetzten sich die Zeit nehmen, Dein Zeugnis zu schreiben. Schließlich hast Du Deine Arbeitskraft gegeben und verdienst dafür diese Form der Anerkennung!

Ein guter Kompromiss, bei dem am Ende meist das beste Ergebnis rauskommt: Du listest Deine Tätigkeiten auf, beschreibst und priorisierst sie, Deine Vorgesetzten holen sich Feedback aus relevanten Bereichen ein und schreiben die Beurteilung Deiner Fähigkeiten.

Zwei weibliche Personen schauen etwas gemeinsam an.

Gerade in größeren Unternehmen gibst Du eine Liste Deiner Tätigkeiten ab, während die Vorgesetzte Deine Fähigkeiten bewertet.

Was bedeuten die Formulierungen im Arbeitszeugnis?

Auch wenn ein Zeugnis auf den ersten Blick gut klingt, ist es voller versteckter Botschaften, die Dein neuer Arbeitgeber Dir durchaus zu Deinem Nachteil auslegen könnte! Weil es so schwer ist, die wirkliche Bedeutung des Zeugnisses zu erkennen, schalten viele Jobwechselnde sogar einen Anwalt, die Gewerkschaft oder eine professionelle Zeugnisberatung ein, um den Inhalt ihres Arbeitszeugnisses auf Herz und Nieren zu prüfen.

Arbeitszeugnis – Schulnoten: Eine Übersetzungshilfe

Rechtlich gesehen darf ein Arbeitgeber Deine Arbeit nicht "schonungslos kritisieren", selbst wenn er mit Dir unzufrieden war. Das heißt, er darf keine offen missbilligenden Äußerungen machen. Um sich juristisch nicht in die Nesseln zu setzen, aber trotzdem zu bewerten, haben sich Floskeln etabliert, von denen wir einige mal in Noten übersetzen wollen.

Aussagen über "Zufriedenheit"

immer zu unserer vollsten Zufriedenheit

stets zu unserer vollen Zufriedenheit

zu unserer vollen Zufriedenheit

zu unserer Zufriedenheit

Note

1

2

3

4 und darunter

Wenn es um die Zufriedenheit Deines Arbeitgebers geht, kommt es wirklich auf einzelne Buchstaben an, um einzuordnen, welchen Eindruck Du hinterlassen hast. Richtig mies war dieser, wenn Dein Arbeitgeber noch einen Zusatz hinzufügt: "Im Großen und Ganzen erledigte XY die Aufgaben zu unserer Zufriedenheit." Das heißt maximal noch: "Wow, das Unternehmen steht noch. Also am Ende alles nochmal gut gegangen. Schön, dass Du gehst."

Aussagen über "Erfolg"

mit vollstem Erfolg

mit vollem Erfolg

mit Erfolg

mit Freude/Interesse/Fleiß

Note

1

2

3

4 und darunter

Personaler:innen interessiert besonders der Teil des Arbeitszeugnisses, in dem Deine Arbeitserfolge beschrieben werden. Hier gilt: Je detaillierter, desto besser. Denn je mehr sich hierüber sagen lässt, desto größer war vermutlich auch der Eindruck, den Du hinterlassen hast. Außerdem können HR’ler:innen beurteilen, ob die Dir zuvor zugeschriebenen Skills auch für Deine Arbeit wichtig waren – eine starke kommunikative Ader ist in einem kundenbezogenen Job zum Beispiel hilfreicher als in der Systemadministration.

Wenn in Deinem Zeugnis nicht einmal von Erfolg die Rede ist, sondern von dem Fleiß oder dem Engagement, das Du bei den übertragenen Aufgaben stets an den Tag gelegt hast, dann heißt das, dass Du in den Augen Deines ehemaligen Arbeitgebers dabei keinen sonderlichen Erfolg gehabt hast. Auch wenn Dir gute Fachkenntnisse ohne weitere Ausführungen attestiert werden, solltest Du misstrauisch werden, denn das spricht eher für Deine Austauschbarkeit als für besondere Skills. Wer wirklich was auf Dein Knowhow hält, geht darauf auch genauer ein. Achtung auch, wenn Dein Zeugnis Deine Pünktlichkeit hervorhebt. Die ist eigentlich selbstverständlich und ihre Erwähnung ist eher ein Indikator dafür, dass Du sonst nicht viel gezeigt hast.

Die Abschiedsformel

Wir wünschen weiterhin viel Erfolg!

Wir wünschen weiterhin Erfolg!

Wir wünschen viel Erfolg!

Wir wünschen zukünftigen Erfolg!

Note

1

2

3

4 und darunter

Personaler:innen achten auch auf den Gruß am Ende des Zeugnisses. Wenn Dir "weiterhin" Erfolg gewünscht wird, kannst Du davon ausgehen, dass Du den in den Augen der bewertenden Person bereits vorher hattest. Fehlt diese Angabe, zeugt das im Prinzip davon, dass Du in dem Job nicht wirklich was gerissen hast. Wenn man Dir neben Glück oder Erfolg auch noch Gesundheit wünscht, weist man durch die Blume auf Deine vielen krankheitsbedingten Fehltage hin. Noch subtiler und doch laut und deutlich lässt sich Missachtung ausdrücken, indem Deine ehemaligen Vorgesetzten Dein Ausscheiden "zur Kenntnis nehmen", es aber nicht bedauern.

Dein Teamplay auf dem Prüfstand

Auch in Bezug auf die Art und Weise, wie Du in einem Team funktionierst, gibt es eine Reihe an Floskeln, von denen wir einige mal übersetzen. So siehst Du, wie unterschwellig die Botschaften der Arbeitszeugnisse sein können:

Satz

Er einen Kolleg:innen gegenüber stets zurückhaltend und korrekt.

Sie war als Kollegin anspruchsvoll und kritisch.

Sein umfangreiches Fachwissen machte ihn zu einem gesuchten Gesprächspartner.

Dank ihres kooperativen Führungsstils wurde sie von den Mitarbeiter:innen geschätzt.

Er zeigte gegenüber den Kolleg:innen einwandfreies Verhalten.

Mit ihrer Geselligkeit trug sie zur Verbesserung des Betriebsklimas bei.

Er bewies Einfühlungsvermögen für die Belange des Teams.

Bedeutung

Er war ein Einzelgänger und Außenseiter, der nicht weiter negativ auffiel.

Sie hat viel genörgelt und genervt.

Er hat die Kolleg:innen über Gebühr zugetextet und von der Arbeit abgehalten.

Sie konnte sich als Führungskraft kaum durchsetzen.

... nicht jedoch gegenüber den Vorgesetzten.

Sie hat ein Alkoholproblem.

Er hat geflirtet, wo es nur ging.

Vorsicht ist auch bei Attributen wie "umgänglich" und "tolerant" angesagt. Diese Zuschreibung bedeutet, dass Du (zumindest für Deine Vorgesetzten) ein:e schwierige:r Mitarbeiter:in gewesen bist. Wirst Du gleichzeitig als "sorgfältig" und "gewissenhaft" bezeichnet, solltest Du ebenfalls hellhörig werden. Denn Synonyme fungieren in Arbeitszeugnissen dazu, anzudeuten, dass Du die beschriebene Eigenschaft eben nicht besitzt.

Was kann ich bei einem schlechten Arbeitszeugnis tun?

Wenn Du Bewertungen in Deinem Arbeitszeugnis als ungerechtfertigt empfindest, hast Du die Möglichkeit, dagegen vorzugehen und Dir ein neues, besseres Zeugnis ausstellen zu lassen. Schließlich magst Du Dir dadurch keine Jobchancen verbauen. Grundsätzlich solltest Du:

  • Dein Arbeitszeugnis direkt bei Erhalt genau lesen und auf Floskeln wie die achten, die wir uns hier angeschaut haben – oder Dir Hilfe dabei suchen, zum Beispiel durch eine professionelle Zeugnisberatung
  • bei Missfallen bestimmter Formulierungen schnell reagieren, den Kontakt zu den Ausstellenden suchen und in einem klärenden Gespräch um Korrektur bitten
  • die Beurteilungen zur Not rechtlich anfechten, wenn Dein ehemaliger Arbeitgeber auch auf schriftliche Aufforderung zu einer Korrektur nicht bereit ist
  • nötigenfalls vor dem Arbeitsgericht eine neue Bewertung Deiner Arbeitsleistung einklagen

Bei der Klage kommen Dir die oben bereits erwähnten Zwischenzeugnisse sehr gelegen, sofern sie andere Töne anschlagen als Dein Abschlusszeugnis. Denn leider bist Du die Person, die sich in der Beweispflicht befindet – zumindest bezüglich Leistungen über der Note 3. Das ist oft sehr schwer, denn dazu müssen zum Beispiel Deine ehemaligen Kolleg:innen herangezogen werden, die ja noch im Unternehmen arbeiten und somit womöglich befangen sind.

Bitte bedenke: So ein Behördenritt bis vors Arbeitsgericht ist sehr kräftezehrend. Zu den administrativen Hürden gesellt sich oft die Enttäuschung über die geringe Wertschätzung, die Dir entgegengebracht wurde – das kann eine:n schon fertigmachen. Deshalb überlege Dir ab einem gewissen Punkt, wie weit Du gehen willst wegen eines Arbeitszeugnisses. Auch wenn Du natürlich ein Recht auf eine faire Beurteilung Deiner Leistung hast: Deine psychische Gesundheit geht vor.

Denn ja, das Arbeitszeugnis ist bei der Jobsuche nicht unwichtig, aber auch nicht der einzige ausschlaggebende Faktor für eine Einladung zum Vorstellungsgespräch. Ist Dein Zeugnis maximal eine 3, solltest Du es vielleicht nicht mitschicken, wenn Du Dich bewirbst. Aber in der Realität kommen Arbeitszeugnisse unter der Note 2 selten genug vor, also mach Dir keine Sorgen und gib einfach Dein Bestes!

TL;DR:
  • Dein Arbeitszeugnis steht Dir rechtlich zu und wird in regulären Bewerbungsprozessen auch meist angefordert. In der Regel erhältst Du es an Deinem letzten Arbeitstag. Du musst es rechtlich gesehen abholen.
  • Neben bestimmten Formalitäten enthält Dein Arbeitszeugnis eine Beschreibung Deiner Tätigkeiten und eine Bewertung Deiner Fähigkeiten und Deines Arbeitsverhaltens.
  • Wenn Du noch im Unternehmen tätig bist, kannst Du in regelmäßigen Abständen oder bei strukturellen Veränderungen im Unternehmen ein Zwischenzeugnis anfordern, das Dir später noch nützlich werden kann.
  • Wirst Du in Deinem Arbeitszeugnis anhand gewisser Formulierungen schlechter bewertet als es gerechtfertigt wäre, kannst Du die Korrektur Deines Zeugnisses einfordern und zur Not auch einklagen.